Fierce – das bedeutet auf Deutsch so viel wie leidenschaftlich, heftig, anspruchsvoll. Eine Fierce Conversation ist also ein Gespräch, das keinesfalls oberflächlich geführt wird, in dem wichtige, auch unangenehme Dinge besprochen werden, und bei dem die Gesprächspartner sich voll und ganz aufeinander einlassen. Den Begriff hat ein amerikanisches Kommunikationskonzept geprägt. Demnach sind solche Gespräche sowohl am Arbeitsplatz als auch im Privatleben effizient und wirkungsvoll. Unternehmen profitieren von Kosteneinsparungen und der Einzelne von besseren Beziehungen zu seinen Mitmenschen, wenn diese Form der Gesprächsführung etabliert ist.

Entstanden ist dieses erfolgreiche Konzept auf Grundlage des bereits 2008 erschienenen Buchs Fierce Conversations von Susan Scott über Kommunikation, Kommunikationsprobleme und effektive Gespräche. Das Buch hatte in den USA eine bahnbrechende Wirkung auf den Bildungssektor und die Weiterbildungsbranche. Anschließend griffen zahlreiche weitere Publikationen das Thema auf.

Aus eigener Erfahrung als CEO verschiedener amerikanischer Unternehmen wusste Scott aus erster Hand, was alles beim Thema Kommunikation schiefgehen kann: Auch sie hatte in sinnlosen Meetings gesessen, vergebens versucht, widersprüchlichen Prioritäten gerecht zu werden, Projekte erlebt, bei denen versäumt wurde, die Menschen einzubinden, für die diese Projekte konzipiert worden waren, und erfahren, dass Probleme häufig trotz dringenden Gesprächsbedarfs totgeschwiegen werden. ​

Fierce – das bedeutet auf Deutsch so viel wie leidenschaftlich, heftig, anspruchsvoll

Scott verwendet bewusst eher das Wort „conversation“ („Gespräch“), einen eindeutigeren und weniger abstrakten Begriff als „Kommunikation“. Ein Gespräch soll für sie in erster Linie Klarheit bringen. Und das funktioniert ihrer Meinung nach nur, wenn die Grundregeln effektiver Gesprächsführung beachtet werden: sinnvolle Fragen stellen, Einfühlungsvermögen zeigen und richtig zuhören, was einfacher klingt als es ist.

Solche Gespräche, so schreibt sie, können immens viel bewirken. Natürlich können nicht alle Gespräche, die wir führen, ein Unternehmen von Grund auf verändern, eine Beziehung festigen oder einem Leben eine neue Wendung geben. Aber jedes einzelne Gespräch gibt uns die Möglichkeit dazu, daher auch das Motto „any single conversation can“. Eine wertvolle Erkenntnis, die uns an entscheidende Momente unseres Lebens zurückdenken lässt, in denen ein Gespräch – vielleicht ganz unerwartet – zu tiefgreifenden Änderungen geführt hat. Wie war das noch, an dem Tag, an dem wir unseren Partner kennengelernt haben, an dem wir diesen erfolgreichen Kundentermin hatten oder das Bewerbungsgespräch geführt haben, das uns den Traumjob beschert hat? Scott macht uns eindrucksvoll bewusst, welch bedeutende Rolle Gespräche spielen können.

Was heißt das konkret für unseren (Arbeits-)Alltag? Wie sprechen wir also am besten miteinander? „Stellen Sie sich vor, dass das Gespräch, dass Sie gerade führen, das wichtigste ist, das Sie jemals mit Ihrem Gegenüber führen werden. Machen Sie sich das bewusst, wenn Sie sprechen und auch wenn Sie dem anderen zuhören.“ Neben diesem Stellenwert, den wir Gesprächen beimessen sollten, ist auch ein gewisses Selbstbewusstsein gefragt, authentisch zu sein und sich nicht zu verstellen: „Eine Fierce Conversation ist ein Gespräch, bei dem wir uns öffnen.“

Nun sind Kommunikationskonzepte tendenziell nicht gerade darauf ausgelegt, unser Innerstes zu offenbaren. Vielmehr sind viele Menschen, die beruflich mit dem Thema Kommunikation zu tun haben, eher damit beschäftigt, den schönen Schein zu wahren, auf ihr Selbstwertgefühl zu achten und Nebelkerzen zu werfen, um von unliebsamen Themen abzulenken – was für die Kommunikation an sich jedoch eher hinderlich ist. Scott beschreibt in ihrem Buch, wie misslungene Kommunikation im Kern auf diese sehr menschliche Befürchtung zurückzuführen sein könnte, insbesondere am Arbeitsplatz zu viel von sich preiszugeben oder Wissenslücken zu offenbaren. Sie fordert ihre Leser auf, mutiger zu sein, „more fierce“, damit aus Gesprächen etwas Neues, Ungeahntes entstehen kann.

Ganz konkret spricht sie von vier Hauptzielen, die man in Gesprächen vor Augen haben sollte:

Ziel 1: Mit unterschiedlichen Sichtweisen rechnen
Niemand hat die Wahrheit gepachtet. Unsere Vorstellungen der Realität sind vielschichtig, konträr und komplex. Wir sollten daher nicht davon ausgehen, dass unser Gegenüber stets unsere Sicht der Dinge teilt, sondern immer bereit sein, alles zu hinterfragen. In der Praxis halten sich viele Mitarbeiter in Unternehmen jedoch aufgrund ihrer Expertise für überlegen und leiten daraus den Anspruch ab, immer rechtzuhaben. Eine solche festgefahrene Einstellung erschwert jede produktive Kommunikation.

Ziel 2: Neues vermitteln 
Eine Fierce Conversation sollte immer eine Bereicherung sein, beide Gesprächspartner sollten dabei möglichst etwas Neues erfahren. Wenn Mitarbeiter einfach nur mit Informationen bombardiert werden, messen sie diesen Neuigkeiten keine große Bedeutung zu und halten sie für eher irrelevant. Solche einseitigen „Gespräche“ nennt Scott in ihrem Buch „versations“ – also „conversations“ ohne „con“, das lateinische Wort für „mit“. 

Ziel 3: Schwierige Themen angehen
Können wir im Unternehmen offen sagen, dass wir Bedenken bezüglich eines Projekts oder einer Geschäftsstrategie haben? Eher nicht. Laut Scott äußern viele Mitarbeiter berechtigte Kritik – oder auch Unzufriedenheit – eher unter vier Augen, wenn jemand ein offenes Ohr zeigt oder vor den Kollegen, die nach dem Meeting noch im Gang zusammenstehen. Dieses Phänomen, Probleme eher unter den Teppich zu kehren, kommt Unternehmen laut Scott teuer zu stehen und verursacht Kosten in Millionenhöhe. Daher empfiehlt sie, schwierige Themen direkt anzusprechen, und zwar sofort!

Ziel 4: Beziehungen pflegen
Auch wenn man die ersten drei Ziele bei Gesprächen umsetzt, kann sich immer noch Ärger und Frust einstellen, wenn man es versäumt, eine gute Beziehung zum Gesprächspartner aufzubauen. In jedem Gespräch sollte man daher ein bisschen an dieser Beziehung arbeiten, denn unsere Beziehungen zueinander sind das Fundament einer effizienten Zusammenarbeit. 

Mit einfachen und pragmatischen Ideen hat Scott also ein Kommunikationskonzept entworfen, das unsere Gesprächskultur im Arbeits- und Privatleben entscheidend verändern kann, das mit geringen Mitteln eine große Wirkung erzielt.